Traut ihnen nicht allein

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Drei Stücke in dieser Woche, die verwandte Fragen stellen: Wer kontrolliert die Labore, wer haftet für die Maschinen, und wem glaubt man, wenn die Macher über die Folgen ihrer eigenen Technik reden?

Das Leitstück handelt von einem Mitgründer von Anthropic, der neben dem Papst sitzt und sagt: Traut uns nicht, unsere eigene Ethik zu regeln. Ich gehe der Frage nach, ob das eine seltene Geste ist oder kluge Imagepflege, und warum beide Lesarten an denselben unbequemen Punkt führen.

Danach geht es um die jüngsten Gesetze, die einer KI den Personenstatus verwehren, und um die schwierigere Frage dahinter: Wer hält die Leine, wenn die Maschine handelt und Schaden anrichtet? Das Verbot ist leicht zu schreiben, eine belastbare Haftung nicht.

Und zuletzt die widersprüchlichen Jobs-Prognosen der Labor-Chefs: Sam Altman rudert zurück, sein Rivale Dario Amodei nicht. Ich frage, warum man bei ihren Aussagen über die Arbeit von morgen immer die Interessenlage mitlesen sollte.


Der Mann, der neben dem Papst saß und sagte: Traut uns nicht

Ende Mai stellte Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika vor, ein langes Schreiben über künstliche Intelligenz. In den deutschen Meldungen stand vor allem das Erwartbare: Der Papst mahnt, die Technik müsse dem Menschen dienen. Was dort nicht stand, ist die interessantere Geschichte und die handelt von einem Mann, der an diesem Tag mit auf dem Podium saß.

Er heißt Chris Olah und ist Mitgründer von Anthropic, dem amerikanischen Labor hinter Claude, einer der führenden KI-Modellfamilien der Welt. Olah war eingeladen, zur Enzyklika zu sprechen, und was er sagte, war bemerkenswert. Sinngemäß: Die Leute, die diese Technik bauen, könnten ihre ethischen Grenzen nicht allein bestimmen. Auch die Entwickler stünden unter Druck, wirtschaftlichem, geopolitischem, dem schlichten Ehrgeiz. Man brauche ernsthafte, informierte Kritiker von außerhalb der Labore.

Halten Sie kurz inne bei diesem Bild. Der Mitgründer eines der mächtigsten KI-Labore steht neben dem Papst und sagt: Traut uns nicht, die Ethik unserer eigenen Technik zu regeln. Das ist, als sagte der Baumeister beim Richtfest, man solle die Bauaufsicht besser nicht ihm überlassen. Entweder eine seltene Geste der Ehrlichkeit, oder das klügste Stück Imagepflege der Woche. Da bin ich mir nicht sicher, und deshalb habe ich etwas tiefer gegraben.

Ich verfolge Anthropic ohnehin seit Längerem genauer als die meisten: Diese Wochenausgabe entsteht unter anderem mit Hilfe von Claude, dem Modell ebendieser Firma, und wer täglich mit einem Werkzeug arbeitet, schaut seinem Hersteller genauer zu.

Anthropic sieht aus jedem Blickwinkel anders aus. Aus der Ferne ist es ein Wachstumsphänomen, wie man es selten sieht: Setzte sich das aktuelle Geschäftstempo ein Jahr lang fort, ergäbe das einen Jahresumsatz von über 47 Milliarden Dollar – in Jahr 5 seines Bestehens! Und frisches Kapital sammelte das Unternehmen zuletzt bei einer Bewertung von 965 Milliarden ein. Aus der Nähe ist es ein Werkzeugbauer, dessen KI-Programmierhilfe sogar bei Microsofts eigenen Entwicklern so beliebt wurde, dass der Konzern einen Teil der Lizenzen wieder einzog, weil sie dem hauseigenen Produkt Konkurrenz machte. Und aus Washington betrachtet ist es ein eigenartiger Gegenspieler des Staates: Anthropic bestand für den Einsatz seiner KI gegenüber dem US-Verteidigungsministerium auf zwei roten Linien: keine Massenüberwachung im Inland, keine vollautonomen Waffen. Das Pentagon stufte das Unternehmen daraufhin im März formell als „Lieferketten-Risiko" ein, mit einem Instrument, das sonst gegen ausländische Gegner zum Einsatz kommt, etwa um Huawei aus den Lieferketten zu verbannen. Eine rote Linie gegen Überwachung, die das Unternehmen echtes Geld kostet. Das ist bemerkenswert in einer Branche, in der am Ende meist Macht und Geld entscheiden.

Je nach Blickwinkel also ein anderes Anthropic und keines davon falsch. Das allein wäre noch nicht ungewöhnlich; jedes große, umstrittene Unternehmen wird widersprüchlich wahrgenommen. Überrascht haben mich zwei Leser, die sich nicht mit Eindrücken zufriedengaben, sondern Anthropics eigene Texte durcharbeiteten und die von entgegengesetzten Ausgangspunkten beim selben Misstrauen ankamen.

Der eine ist Bill Gurley. In der Tech-Welt hat sein Wort Gewicht: Gurley gehört zu den bekanntesten Wagniskapitalgebern des Silicon Valley, einer, der früh in große Namen investiert hat und für seine Skepsis gegenüber dem Staat bekannt ist. Wenn so jemand vor einem Tech-Unternehmen warnt, ist das ungefähr so, als würde ein altgedienter Banker vor einer Bank warnen - es fällt auf.

Was Gurley tat, klingt unspektakulär, ist aber der Kern: Er las nach. Nicht Gerüchte, sondern die Texte, die Anthropic selbst veröffentlicht. Da ist zum einen ein Regelwerk, das die Firma „Constitution" nennt, eine Art Grundgesetz, das festlegt, wie sich Claude verhalten soll. Und da ist ein Aufsatz von Firmenchef Dario Amodei, in dem er seine Zukunftsvision ausbreitet.

Was Gurley darin las, beunruhigte ihn und seine Schlussfolgerung ist drastisch. Er vermutet hinter der Fassade Menschen, die ernsthaft glauben, etwas Größeres zu erschaffen als nur eine Software: eine dem Menschen überlegene Intelligenz, fast einen „digitalen Gott". Diese Zuspitzung teile ich nicht. Aber sie hat einen wahren Kern, und der steckt ausgerechnet im Titel jenes Aufsatzes. „Machines of Loving Grace" -Maschinen liebender Güte. Amodei hat den Titel nicht selbst erfunden, sondern aus einem Gedicht von 1967 entliehen, in dem Maschinen fürsorglich über die von aller Arbeit befreiten Menschen wachen. Klingt schön. Nur lässt sich dasselbe Bild auch als sanfte Entmündigung lesen, in der „behütet werden" und „überwacht werden" gefährlich nah beieinanderliegen. Dass der Chef eines KI-Labors ausgerechnet dieses doppelbödige Bild zum Banner seines Optimismus macht, ist entweder feine Selbstironie - oder ein verräterischer Griff. Fairerweise: Amodei warnt in genau diesem Text selbst davor, KI in religiöse Höhen zu heben. Der „Gott"-Gedanke ist Gurleys Deutung, nicht Amodeis Bekenntnis.

Der zweite Leser steht Gurley denkbar fern. Zvi Mowshowitz schreibt aus der Welt der KI-Sicherheit, nicht der IT-Sicherheit gegen Hacker, sondern jener Szene, die sich um die großen, gesellschaftlichen Risiken wirklich leistungsfähiger Systeme sorgt. Ihn treibt nicht zu viel Staat um, sondern zu wenig Vorsicht der Labore. Auch er las nach, in den technischen Sicherheitsberichten, die Anthropic zu jedem neuen Modell veröffentlicht. Man muss sich diese Berichte wie das Sicherheitsdatenblatt einer Chemiefabrik vorstellen: Hier legt das Unternehmen selbst offen, wovor es Angst hat und ab welcher Schwelle es eine Fähigkeit für gefährlich hält. An einer dieser Schwellen stieß Zvi sich. Anthropic hatte festgelegt, ab wann ein Modell als zu gefährlich gilt, weil es bei biologischen oder chemischen Waffen helfen könnte - und diese Schwelle in der jüngsten Fassung verschoben, so dass künftig mehr durchrutschen könnte. Das lässt sich belegen: Anthropic hat die Grenze tatsächlich geändert und begründet das damit, das Bedrohungsmodell werde nun „besser abgebildet". Ob das eine ehrliche Präzisierung ist oder eine bequeme Lockerung mit schönem Etikett, darüber streiten das Unternehmen und seine Kritiker.

Sicher ist nur: Diese jüngste Schraube sitzt an einem System, das schon Anfang des Jahres lockerer wurde. Damals tauschte Anthropic eine Reihe fester Selbstverpflichtungen gegen flexiblere Soll-Bestimmungen. Aus „wir werden" wurde eher „wir wollen, sofern". Die Begründung klingt vernünftig und ist trotzdem entlarvend: Im Wettbewerb mache es die Welt nicht sicherer, wenn ausgerechnet der Vorsichtigste sich als Einziger die Hände bindet.

Genau dieser Satz ist der Punkt, an dem sich die beiden so verschiedenen Leser berühren. Gurley fürchtet die Macht, Mowshowitz die Sorglosigkeit. Der eine liest die Philosophie, der andere die Sicherheitsprotokolle. In fast keiner Frage wären sie sich einig und doch zweifeln beide, jeder aus seinem Material heraus, ob ein gutes Vorhaben standhält, wenn der Wettbewerb am Ende doch nach Macht und Geld entscheidet. Das beweist nichts; zwei Männer, die demselben Unternehmen aus verschiedenen Gründen misstrauen, haben noch keine gemeinsame Diagnose. Aber es macht hellhörig - denn ihr Unbehagen kommt nicht aus der Ferne, sondern aus der Lektüre.

Ich will fair bleiben, und darum gehört die andere Lesart hierher. Vielleicht wirkt Anthropic gar nicht widersprüchlicher als die Konkurrenz, sondern bloß durchsichtiger. Wer seine Zielkonflikte und Kurskorrekturen so ausführlich dokumentiert wie dieses Unternehmen, liefert seinen Kritikern zwangsläufig mehr Angriffsfläche als ein Wettbewerber, der schweigt. Es kann gut sein, dass hier die Ehrlichen am Pranger stehen, während die Verschlosseneren ungeschoren davonkommen. Das wäre eine bittere Pointe.

Und doch beschäftigt mich das Bild am Anfang. Ein Mitgründer sagt neben dem Papst: Traut uns nicht allein. Ich neige inzwischen dazu, ihm zu glauben - nicht, weil ich Anthropic für edler hielte als andere, sondern weil seine Warnung in eine Richtung zeigt, die mir stimmig erscheint. Hier versucht offenbar ein Unternehmen, es ein Stück weit anders zu machen: rote Linien zu ziehen, die Geld kosten, und laut zu sagen, dass man ihm nicht trauen soll.

Aber ob Olah es ehrlich meint, ist gar nicht die entscheidende Frage. Denn beide Lesarten - die ehrliche und die berechnende - führen an denselben Punkt. Wenn er es ehrlich meint, sagt uns ein Mann von innen, dass die Branche sich selbst nicht bremsen kann. Und wenn es kühle Imagepflege ist, dann ist sie nur deshalb klug, weil auch das berechnende Publikum längst weiß, dass man diesen KI-Laboren die eigene Aufsicht nicht überlassen darf. So oder so bleibt dieselbe unbequeme Erkenntnis: In einem Wettlauf zweier Großmächte, finanziert mit Hunderten Milliarden, gewinnen am Ende meist die, die sich am wenigsten Skrupel leisten. Und kein noch so ernst gemeinter Vorsatz eines einzelnen Labors ändert daran etwas. Olahs Bitte um Kontrolle von außen ist dann kein Zeichen von Schwäche, sondern das Eingeständnis, dass die Branche sich selbst nicht bremsen wird.

Wer das übernehmen soll, ist die eigentliche Frage und sie ist viel größer als ein Unternehmen. Sie entscheidet sich gerade, unter anderem in Brüssel, wo die EU dieser Technik Regeln zu geben versucht, gegen den Widerstand einer Industrie mit sehr tiefen Taschen. Das ist eine Geschichte für ein andermal.


Wer hält die Leine?

In Idaho steht seit 2022 ein Gesetz, das einer künstlichen Intelligenz verbietet, eine Person zu sein. North Dakota zog 2023 nach, Utah 2024. Liest man die Gesetze genauer, fällt aber etwas auf: Je nach Staat stehen neben der KI auch Tiere, Umweltbestandteile, Gewässer, Wetter, Land und sogar astronomische Objekte auf der Liste dessen, was keine Person sein darf. Die KI steht dort in seltsamer Gesellschaft. Das legt nahe, worum es diesen Gesetzen eigentlich geht. Nicht um die Maschine, sondern um eine Grenze, die um den Menschen gezogen wird, und KI ist nur einer der vielen Fremdkörper, die draußen bleiben sollen.

Genau deshalb übergehen diese Gesetze eine Frage, die der Historiker Yuval Noah Harari für die eigentlich entscheidende hält. Sie lautet nicht nur: Darf die KI eine Person sein? Sie lautet vor allem: Wer haftet, wenn sie handelt? Und diese Frage, so meine Beobachtung, ist die schwierigere, weil das Verbot sie nicht beantwortet, sondern nur aufschiebt.

Beginnen wir mit der ersten Gesetzesfamilie. Idaho, North Dakota und Utah gehören zusammen, und ihre Herkunft ist nicht die Sorge vor autonomen Maschinen. Sie stammen aus dem amerikanischen Streit darüber, wer überhaupt eine Person sein darf: aus der Abwehr von Tierrechts- und Umweltklagen, die Flüssen oder Schimpansen eigene Rechte zusprechen wollen, und aus jenen politischen Milieus, die umgekehrt Embryonen und Föten einen besonders weitreichenden Personenstatus zusprechen möchten. Bei Idaho und Utah lässt sich diese Herkunft besonders deutlich erkennen. In beiden Fällen wird eine kulturelle Grenze um den Menschen gezogen: Was gehört in den besonders geschützten Kreis, und was bleibt draußen? Diese erste Generation von Gesetzen zieht damit eine symbolische Grenze. Sie sagt, wer in den Kreis gehört, und die Haftungsfrage stellt sie gar nicht erst. Das ist kein Vorwurf. Es war nicht ihr Thema.

Hararis Thema ist es. Vorweg: Neu ist sein Gedanke nicht. Er hat ihn im Januar in Davos vorgetragen, die Medien haben berichtet, und in einem langen Gespräch mit dem amerikanischen Journalisten Ezra Klein Ende Mai wiederholt er ihn fast wörtlich. Seine Leistung ist nicht der Alarm, sondern die Verschiebung der Frage. Die Debatte über KI dreht sich seit Jahren um etwas, das niemand entscheiden kann: ob die Maschine ein Bewusstsein habe, etwas fühle, ein Inneres besitze. Harari schiebt das beiseite und setzt eine Frage an seine Stelle, die sich beantworten lässt: Darf die KI vor dem Gesetz handeln wie eine Person?

Dass „Person" dabei nie dasselbe meinte wie „Mensch", ist der Schlüssel. Eine Aktiengesellschaft ist eine Rechtsperson. Alphabet, der Mutterkonzern von Google, kann ein Konto führen, Verträge schließen, klagen und, seit dem Urteil Citizens United, im Wahlkampf unabhängig Geld für politische Botschaften ausgeben. Harari selbst verkürzt das in Davos zu der Pointe, ein Konzern könne für den nächsten Präsidentschaftswahlkampf spenden; genau genommen erlaubt das Urteil unabhängige Ausgaben, nicht die direkte Spende an einen Kandidaten. In Neuseeland ist ein Fluss zur Rechtsperson erklärt worden, in Indien gelten bestimmte Gottheiten beziehungsweise ihre Idole als Rechtspersonen. Eine Rechtsperson zu sein heißt vor Gericht nicht, einen Körper oder einen Geist zu haben. Es heißt, im Rechtssystem zu existieren: besitzen, klagen, haften.

Hararis Punkt: Bisher stand hinter jeder Rechtsperson am Ende ein Mensch. Alphabet entscheidet, aber jemand unterschreibt. Der Fluss besitzt sein Bett, aber ein Treuhänder vertritt ihn. Die KI könnte diese Kette brechen: zum ersten Mal eine Rechtsperson, hinter der niemand mehr steht, die selbst entscheidet, selbst Geschäfte führt, und für die sich kein Mensch verantworten muss. Harari malt das Bild des Unternehmens, dessen Vorstand nie schläft, nie stirbt, millionenfach existiert. Seine Sorge ist konkret: Hersteller hätten ein Interesse, ihre Haftung in eine solche KI-Hülle auszulagern, sodass nach einem Schaden niemand greifbar bliebe. Deshalb, sagt Harari, müsse man die Tür ganz verschließen: kein Personenstatus für die Maschine, damit sich kein Mensch hinter ihr verstecken kann.

Das ist die Begründung, die den frühen Verboten fehlt. Idaho und Utah zogen die Grenze aus kulturellen Gründen; Harari liefert nachträglich den ökonomischen, der sie wichtig macht. Aber genau hier beginnt das eigentliche Problem, und es ist die Stelle, an der ich finde, dass weder die Verbote noch Hararis Warnung schon ausreichen. Ein Verbot sagt, was die KI nicht sein darf. Es sagt nicht, wer einspringt, wenn die Maschine trotzdem handelt und Schaden anrichtet. Diese zweite, schwierigere Frage lassen die symbolischen Gesetze offen, und Hararis Verbot beantwortet sie auch nur halb: Es schließt die eine Tür, durch die sich Verantwortung davonstehlen könnte, aber es benennt nicht, an wen sie stattdessen gebunden wird.

Kalifornien ist hier bereits einen schmalen, aber konkreten Schritt gegangen. Seit Anfang dieses Jahres gilt dort ein Gesetz, das einem Beklagten eine bestimmte Ausrede verbietet: Wer eine KI entwickelt, verändert oder eingesetzt hat, darf sich vor Gericht nicht damit verteidigen, die KI habe den Schaden eigenmächtig verursacht. Das Gesetz regelt nicht, wer am Ende zahlt. Es schließt nur die eine Fluchttür, durch die der Schaden bei niemandem landen würde. Keine Flucht in die Autonomie der Maschine, mehr nicht, aber das immerhin.

Zwei jüngere Gesetzentwürfe gehen weiter. Ohio berät seit 2025 über einen, Missouri hat 2026 gleich mehrere Varianten diskutiert; Gesetz geworden ist bislang keine davon. Sie wiederholen das Verbot, aber sie hören dort nicht auf. Beide verteilen die Verantwortung ausdrücklich: auf die Nutzer und Betreiber, die das System einsetzen, und, bei zurechenbaren Fehlern in Entwurf oder Herstellung, auf die Entwickler. Der Versuch, einen Schaden allein der Maschine anzulasten, wird für unwirksam erklärt. Die Missouri-Entwürfe verlangen zusätzlich, dass schwere Vorfälle gemeldet werden müssen; das erleichtert die spätere Zurechnung, weil ein Schaden so nicht folgenlos im Betrieb verschwindet. Das ist nicht spektakulär, aber es ist die Arbeit, die zählt: Sie sorgt dafür, dass am Ende der Kette wieder ein menschlicher oder institutioneller Verantwortlicher steht, den man fassen kann.

Damit ist die eigentliche Frage gestellt, die, auf die der Titel zielt: Wer hält die Leine? Denn so genau diese Entwürfe die Verantwortung auch zuweisen: Sie stoßen an dieselbe Grenze wie jedes Haftungsrecht. Eine Zuweisung hilft nur, wenn am zugewiesenen Ende auch etwas zu holen ist. Ezra Klein bringt den Einwand im Gespräch mit Harari auf den Punkt: Verantwortlichkeit folgt aus der Haftung, und wer haftbar gemacht werden kann, ist fassbar. Nur kann auch der Betreiber, dem man den Schaden zurechnet, eine leere Hülle sein: eine unterkapitalisierte Firma, eine Briefkastengesellschaft, die man verklagen kann und die nichts besitzt. Man gewinnt den Prozess und bekommt nichts. Die Leine ist dann zwar am richtigen Ende befestigt, aber womöglich an einer leeren Hülle.

Hier zeigt sich, wie weit der Weg noch ist. Die symbolische Grenze war der erste Schritt, die Zurechnung der zweite, der dritte ist bislang nur in Ansätzen sichtbar. Einer der Missouri-Senatsentwürfe hat sogar damit experimentiert, bei erheblichem Schaden den Gesellschaftsschleier zu durchstoßen und Muttergesellschaften haftbar zu machen, ausdrücklich dann, wenn Tochterfirmen unterkapitalisiert sind oder Strukturen nur der Umgehung dienen. Eine geschlossene Architektur ist daraus aber nicht geworden, und genau die Fassung mit dem Durchgriff wurde nicht Gesetz. Was weiter fehlt, ist das, was eine Leine erst hält: Mindestkapital, das nicht null sein darf, eine Pflichtversicherung, die zahlt, wenn der Betreiber es nicht kann, ein Durchgriff, der sich nicht durch eine Kette von Hüllen abschütteln lässt. Solange das fehlt, bestätigt sich am Ende genau Hararis ursprüngliche Sorge, nur eine Etage tiefer: Nicht die KI-Rechtsperson wird zum Versteck, sondern die unterkapitalisierte Firma, der man sie zuschreibt.

So erscheinen die Gesetze vom Anfang als das, was sie sind: ein erster, symbolischer Schritt. Sie sagen, dass die Maschine keine Rechtsperson sein darf, und beantworten damit die leichte Frage. Die schwere beginnt danach, und sie ist mit Kalifornien, Ohio und Missouri gerade erst angegangen. Die Debatte erschöpft sich nicht darin, ob die KI eine Rechtsperson sein darf. Entscheidend ist, ob am Ende noch jemand greifbar ist, wenn die Maschine gehandelt hat. Das Verbot ist leicht zu schreiben. Die Leine zu halten, ist die eigentliche Arbeit, und eine geschlossene Architektur dafür ist noch nicht erkennbar.


Wer die KI hochredet, und wer sie herunterredet

Sam Altman räumt ein, er habe sich geirrt. Sein Rivale Amodei tut das gerade nicht. Und während der eine die KI kleinredet, reden andere sie laut groß. Die Frage ist, wem man das glauben sollte.

Sie haben vielleicht gelesen, dass Sam Altman sich geirrt haben will. Auf einer Bühne in Sydney nannte der OpenAI-Chef seine früheren Annahmen zu den wirtschaftlichen Folgen der KI ziemlich falsch; er habe einen rascheren Abbau der Einstiegsjobs im Büro erwartet, als tatsächlich eingetreten ist, und sei „delighted to be wrong". Das ist eine echte Korrektur. Und sie fällt in eine Zeit, in der OpenAI und Anthropic auf Börsengänge mit Bewertungen in der Größenordnung von einer Billion Dollar zusteuern; Anthropic hat dafür Anfang Juni bereits vertraulich einen S-1-Entwurf bei der SEC eingereicht.

Bevor Sie das als Entwarnung ablegen, zwei Haken. Erstens hat Altmans Rivale gerade nicht widerrufen. Anthropic-Chef Dario Amodei, der vor einem Jahr die Hälfte der Einstiegsjobs im White-Collar-Bereich für gefährdet erklärte, setzt sich inzwischen zwar mit einem freundlicheren Gegenbild auseinander, dem Produktivitäts-Multiplikator: Übernehme die KI neun Zehntel einer Tätigkeit, dann konzentriere sich der Mensch auf das verbleibende Zehntel und bearbeite ein Vielfaches an Fällen. Nur verwirft er diese bequeme Theorie für die KI-Ära ausdrücklich und hält an seiner drastischen Warnung fest. Aus dem Propheten ist kein Optimist geworden.

Zweitens reden andere die KI im selben Moment laut groß. Der Bezahldienst Block strich rund 4.000 Stellen, und Block-Chef Jack Dorsey begründete das ausdrücklich mit der höheren Schlagkraft kleinerer, KI-gestützter Teams; die Aktie sprang nachbörslich um rund ein Viertel. Meta verband eine große Entlassungsrunde mit dem Umbau auf KI. Die einen reden die Technik herunter, die anderen hinauf, zur selben Zeit, über dieselbe Sache.

Das ist kein Widerspruch, sobald man fragt, wer wovon profitiert. Wer entlässt und die KI dafür verantwortlich macht, wirkt schlank und zukunftsfest, und die Aktie steigt. Wer kurz vor dem Börsengang steht, kann umgekehrt ein Interesse daran haben, im Prospekt keine Geschichte von Massenarbeitslosigkeit zu erzählen, die Regulierer ruft und die Anleger verschreckt. Beweisen lässt sich ein solches Motiv nicht, und mechanisch ist es schon gar nicht: Amodei steht vor demselben Börsengang und redet die KI trotzdem nicht herunter. Aber darum geht es nicht: Der Anreiz beweist kein Motiv, er verschiebt die Beweislast.

Es ist, als wollten Sie wissen, ob es regnet, und fragten ausgerechnet den Regenschirmverkäufer und den Eismann. Der eine sieht Wolken, der andere Sonne, und beide reden ihr Geschäft. Die Volte in diesem Fall: Altmans interessierte Diagnose trifft die Lage gerade ungefähr, was sie umso verführerischer macht.

Denn nüchtern betrachtet hat er bislang recht. Das Budget Lab der Universität Yale klopft die Beschäftigungsdaten Monat für Monat auf KI-Spuren ab und findet bisher keinen klar zurechenbaren Effekt; der Arbeitsmarkt ist abgekühlt, ohne dass sich diese Abkühlung sauber der KI zuschreiben ließe. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 4,3 Prozent, höher als vor drei Jahren, aber weit von einer Katastrophe entfernt. Wer dagegen die Einzelfälle zählt, kommt zum Gegenteil. In der jüngsten Folge des amerikanischen Investoren-Podcasts All-In stritten die Gastgeber genau darüber: Die Gesamtzahlen zeigten nichts, hielt der eine fest, „the plural of anecdotes is not data"; man müsse die Entlasser beim Wort nehmen, die sichtbaren Fälle seien die Vorderkante, erwiderte der andere. Beide schauen auf dieselbe Welt und lesen das Gegenteil heraus.

Mein Urteil: Die Wende ist zur Hälfte ein Eingeständnis an die Daten, und genau das macht sie so bequem. Die Apokalypse blieb aus, also lässt sie sich gefahrlos absagen, im passenden Moment. Was ich nicht für gegeben halte, ist die Haltbarkeit dieser neuen Gelassenheit. Altmans Tonlage hat sich schon einmal kräftig verschoben; sie wird sich wieder verschieben, sobald der Wind am Kapitalmarkt dreht. Das Zeugnis eines Unternehmenschefs über die Wirkung des eigenen Produkts ist ein hochgradig interessierter Input, gerade dann, wenn es am zitierfähigsten ist.

In eigener Sache, weil hier zwei der genannten Häuser im Spiel sind: Dieser Text entsteht mit Hilfe von Claude (Anthropic, also Amodei) und wird u.a. von ChatGPT gegengelesen (OpenAI, also Altman), beide gerade auf dem Weg an die Börse. Lesen Sie mein Urteil mit diesem Wissen.

Wenn Sie also das nächste Mal lesen, die KI werde die Jobs verschonen, oder das Gegenteil, dann achten Sie weniger auf die Prognose als auf die Bilanz dessen, der sie ausspricht. Am ehesten unverstellt ist der Blick dessen, der an Ihrem Glauben am wenigsten verdient. Auf der Bühne dieser Woche steht ein solcher nicht.